Verkürzung & Verlängerung der Ausbildungszeit

Ratgeber Ausbildungsrecht

Allgemeines zur Verkürzung / Verlängerung der Ausbildungszeit

Grundsätzlich muss die in der Ausbildungsordnung vorgegebene Ausbildungszeit  eingehalten werden. Vertraglich können Ausbildungsbetrieb und Auszubildende eine Abänderung der Ausbildungszeit nicht herbeiführen. Die Ausbildungszeit kann jedoch in besonderen Fällen von der Handwerkskammer auf Antrag verkürzt oder verlängert werden. Stimmt die Handwerkskammer dem Antrag zu, wird die Ausbildungszeit dann hoheitlich geändert.



Verkürzung der Ausbildungszeit

Die in der Ausbildungsordnung angegebene Ausbildungszeit kann bereits beim Abschluss des Ausbildungsvertrages verkürzt werden. Verkürzungsgründe sind beispielsweise:

  • Fachoberschulreife (6 Monate)
  • Fachhochschulreife (12 Monate)
  • Abitur (12 Monate)
  • Abgeschlossene Berufsausbildung (12 Monate)
  • Lebensalter > 21 Jahre (12 Monate)

Diese Verkürzungsgründe können auch noch nach Beginn der Ausbildung geltend gemacht werden. Bei weniger als 12 Monaten bis zum formellen Ausbildungsende kann nur noch über die sogenannte „Vorzeitige Zulassung zur Gesellenprüfung“ eine Verkürzung herbeigeführt werden.

Bei Fortsetzung der Berufsausbildung in demselben Beruf kann die zurückgelegte Ausbildungszeit ganz oder teilweise angerechnet werden.

Bei Nachweis einer einschlägigen Berufstätigkeit (im Berufsfeld) kann diese angemessen berücksichtigt werden (z. B. Verkürzung um 12 Monate bei mind. 4-jähriger einschlägiger Berufstätigkeit).

Hierzu muss unter Punkt A des Ausbildungsvertrages der Verkürzungsgrund und die Verkürzungsdauer angegeben werden. Die Zeugnisse und sonstigen Unterlagen, die den Verkürzungsgrund belegen, sind in Kopie beizufügen. Mit Eintragung des Lehrvertrages in die Lehrlingsrolle wird die Verkürzung wirksam.

Der/die Auszubildende hat trotz Verkürzung der Ausbildungszeit im Regelfall keinen Anspruch darauf, bereits entsprechend früher die Vergütung des 2. Ausbildungsjahres zu erhalten, weil die Ausbildungszeit hinten und nicht vorne verkürzt wird.

 

Verkürzung bei erfolgreichem Besuch der Berufsfachschule

Hat der/die Auszubildende eine Berufsfachschule erfolgreich besucht, kann diese Zeit auf gemeinsamen Antrag von Betrieb und Auszubildendem/Auszubildender wie folgt angerechnet werden:

  • Zweijährige, zu einem mittleren Schulabschluss führende Berufsfachschulen: Sechs oder zwölf Monate
  • Mehrjährige Berufsfachschulen, die zu beruflichen Kenntnissen und zur Fachhochschulreife führen: Sechs oder zwölf Monate
  • Mindestens dreijährige Berufsfachschulen, die zu beruflichen Kenntnissen und zur Hochschulreife führen: Zwölf oder achtzehn Monate

Die Ausbildungszeit wird also in diesem Falle insoweit durch die schulischen Vorausbildungszeiten ersetzt. Der/die Auszubildende hat in diesem Fall entsprechend früher Anspruch auf die Ausbildungsvergütung des nächsten Ausbildungsjahres.



Verkürzung bei guten Leistungen

Ein weiterer Verkürzungsgrund besteht, wenn der Auszubildende

  • in der betrieblichen Ausbildung
  • und in den berufsbezogenen Fächern der Berufsschule jeweils gute Leistungen (Durchschnitt jeweils mind. 2, 49) nachweist.

Erforderlich ist hierzu ein schriftlicher Antrag bei der Handwerkskammer (Antragsformular siehe Formulare/Downloads). Dem Antrag ist eine betriebliche Beurteilung sowie eine Kopie des letzten Berufsschulzeugnisses beizufügen. Mit Stattgabe des Antrages wird das Ausbildungsverhältnis dann durch die Handwerkskammer verkürzt.



Vorzeitige Zulassung zur Gesellenprüfung

Schließlich besteht noch die Möglichkeit  der vorzeitigen Ablegung der Gesellen-/Abschlussprüfung. Gem. § 37 HwO kann der Auszubildende nämlich bereits 6 Monate vor seinem regulären Prüfungstermin zur Prüfung zugelassen werden, wenn er

  • in der betrieblichen Ausbildung
  • und in den berufsbezogenen Fächern der Berufsschule
    jeweils gute Leistungen (Durchschnitt jeweils mind. 2, 49) nachweist.

Auch hier sind eine Kopie des letzten Berufsschulzeugnisses und die betriebliche Beurteilung beizufügen.

Die vorzeitige Zulassung muss bei der die Prüfung durchführenden Stelle (Handwerkskammer bzw. Innung) unter Vorlage einer Beurteilung des Betriebes, des letzten Berufsschulzeugnisses sowie den üblichen Anmeldeunterlagen zur Prüfung beantragt werden (Antragsformular siehe Formulare/Downloads). Mit Bestehen der vorzeitigen Prüfung endet das Ausbildungsverhältnis.

Bitte wenden Sie sich an Ihre Ansprechpartner in der Gesellenprüfungsabteilung .



Zusammentreffen mehrerer Verkürzungsgründe

Mehrere Verkürzungsgründe können gegebenenfalls  kombiniert werden. Die Ausbildungsvertragsdauer darf jedoch folgende Mindestzeiten nicht unterschreiten:

  • Regelausbildungszeit 42 Monate   Mindestzeit 24 Monate
  • Regelausbildungszeit 36 Monate   Mindestzeit 18 Monate
  • Regelausbildungszeit 24 Monate   Mindestzeit 12 Monate


Verlängerung der Ausbildungszeit

In Ausnahmefällen kann die Handwerkskammer auf Antrag die Ausbildungszeit  verlängern, wenn die Verlängerung erforderlich ist, um das Ausbildungsziel zu erreichen (§ 8 Abs. 2 BBiG, § 27 b Abs. 2 HwO.) Ein Rechtsanspruch auf Verlängerung besteht nicht. In beiderseitigem Einvernehmen, d. h. vertraglich können Ausbildungsbetrieb und Auszubildender das Ausbildungsverhältnis ebenfalls nicht verlängern.

Die Verlängerung gemäß  § 8 Abs. 2 BBiG und § 27 b Abs. 2 HwO ist ein eng auszulegender Ausnahmefall. Ein solcher ist beispielsweise:

  • erkennbare schwere Ausbildungsmängel
  • längere Ausfallzeiten (z. B. infolge Krankheit)

Eine Erhöhung der Vergütung tritt durch die Verlängerung nicht ein.

Tipp: Bei schlechten schulischen Leistungen sollten Sie Ihren Auszubildenden zur kostenlosen Nachhilfe anmelden (siehe auch abH-ausbildungsbegleitende Hilfen).

Eine Verlängerung nach  § 8 Abs. 2, § 27b  Abs. 2 HwO schließt eine anschließende Verlängerung wegen nicht bestandener Prüfung gem. § 21 Abs. 3 BBiG nicht aus. Umgekehrt ist nach einer Verlängerung nach § 21 Abs. 3 BBiG eine Verlängerung gemäß § 27 a HwO nicht mehr möglich.



Verlängerung der Ausbildung bei Nichtbestehen der Prüfung

Besteht der/die Auszubildende die Gesellen-/Abschlussprüfung nicht - wobei grundsätzlich unerheblich ist, warum die Prüfung nicht bestanden wurde - so verlängert sich das Ausbildungsverhältnis auf Antrag des/der Auszubildenden  bis zum nächstmöglichen Prüfungstermin (§ 21 Abs. 3 BBiG).

Eine Verlängerung tritt auch dann ein, wenn der Prüfling krankheitsbedingt nicht an der Prüfung teilnehmen kann (BAG, 30.09.1998 - 5 AZR 58/98).

Dafür muss der/die Auszubildende rechtzeitig,  spätestens 2 Wochen nach Ausbildungsende,  die Verlängerung vom Ausbildungsbetrieb verlangen (BAG 23.09.2004 - 6 AZR 519/03, DB 2005, 1007; Palandt § 121 RN 3).

Der Verlängerungswunsch kann auch mündlich geäußert werden, sollte aber aus Beweisgründen schriftlich erfolgen. Eine Zustimmung des Betriebes ist nicht erforderlich. Die Verlängerung wird gegebenenfalls auch gegen den Willen des Betriebes automatisch wirksam.

Die Verlängerung ist eine wesentliche Vertragsänderung und daher der Kammer  durch den Betrieb gem. § 30 Abs. 1 HwO unverzüglich schriftlich mitzuteilen (siehe auch Formulare/Downloads-Mitteilungsformular).

Der Auszubildende hat für den Verlängerungszeitraum Anspruch auf Ausbildungsvergütung in der zuletzt gewährten Höhe.

Wird die erste Wiederholungsprüfung bestanden, endet das Ausbildungsverhältnis.

Besteht der Auszubildende die erste Wiederholungsprüfung nicht und stellt er (abermals) ein Verlängerungsantrag, verlängert sich das Berufsausbildungsverhältnis bis zur zweiten Wiederholungsprüfung, wenn diese noch innerhalb der Höchstfrist von einem Jahr (§ 21 Abs. 3 letzter Satzteil BBiG) abgelegt wird. Die Beendigungswirkung tritt unabhängig davon ein, ob die zweite Wiederholungsprüfung bestanden oder nicht bestanden wird (BAG, 15.03.2000 - 5 AZR 622/98).



Ausbildungsvergütung bei Verkürzung oder Verlängerung

Die Verkürzung bzw. Verlängerung führt nicht zu einer (vorzeitigen) Erhöhung der Ausbildungsvergütung. Bei der Verkürzung erhält der Lehrling die Vergütung des nächsten Ausbildungsjahres vielmehr erst zu dem Zeitpunkt, zu dem er diese auch bei unverkürzter Ausbildungszeit erhalten hätte, weil hier hinten und nicht vorne verkürzt wird.

Ausnahme: Beruht die Verkürzung auf einem erfolgreich besuchten Berufsgrundbildungsjahr oder Berufsfachschuljahr, hat der/die Auszubildende entsprechend früher Anspruch auf die Vergütung des nächsten Ausbildungsjahres, weil hier vorne und nicht hinten verkürzt wird.