Bilanz des Handwerks für 2015

Bilanz des Handwerks für das Jahr 2015: Mehr Umsatz, weniger Meisterbetriebe, mehr Soloselbstständige

Trendwende am Lehrstellenmarkt: Nach mehrjährigem Rückgang ist die Zahl der Ausbildungsverhältnisse im Jahr 2015 um 2,4 Prozent gestiegen

Weltrich forderte für Köln einen Flüchtlingsgipfel und appellierte an Bund und Land: Mit 10.000 Euro pro jugendlichen Flüchtling lässt sich eine zehnmonatige Berufsvorbereitung umsetzen

Im Laufe des Jahres 2015 verstärkte sich die Nachfrage nach Leistungen des Handwerks. Nach dem eher mageren Umsatzwachstum von 1,1 Prozent im ersten Quartal des vergangenen Jahres konnten die nordrhein-westfälischen Handwerksunternehmen ihren Umsatz im zweiten und dritten Quartal um 3,2 bzw. um 2,6 Prozent ausweiten. Unter der Voraussetzung, dass sich dieser erfreuliche Konjunkturtrend auch im vierten Quartal fortgesetzt hat, haben die Handwerksunternehmen in der Region Köln-Bonn im vergangenen Jahr ihren Umsatz nach vorläufigen Berechnungen um zwei bis 2,5 Prozent auf insgesamt 16,4 Milliarden Euro erhöht.

Dabei kam vielen Handwerkszweigen zugute, dass sich 2015 die Kaufkraft der privaten Haushalte verbessert hatte. Denn niedrige Öl- und Benzinpreise, Steigerungen bei Arbeitnehmereinkommen und Renten und die Ausweitung der Beschäftigung erhöhten das verfügbare Einkommen. Im Jahr 2015 war nach ersten Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Zahl der Erwerbstätigen um 0,8 Prozent höher als im Jahr zuvor. Im Handwerk der Region Köln-Bonn sei die Zahl der Arbeitsplätze nur leicht gestiegen, „hierauf deuten die Ergebnisse der im Oktober 2015 durchgeführten Konjunkturumfrage der Kölner Kammer hin“, teilte Dr. Ortwin Weltrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln, mit.

Exakte Zahlen liegen für die Ausbildungsverhältnisse vor. Am Jahresende 2015 waren 12.864 Ausbildungsverhältnisse im Handwerk des Kammerbezirks Köln erfasst, das sind 2,4 Prozent mehr als im Jahr zuvor. 4.543 Ausbildungsverträge wurden im Jahr 2015 neu abgeschlossen, das ist ein Plus von 1,4 Prozent. „Dank intensiver Nachwuchswerbung der Unternehmen und der Handwerksorganisationen haben wir 2015 die Trendwende bei den Ausbildungsverhältnissen geschafft“, hob Weltrich hervor. Von 2010 bis 2014 war Jahr für Jahr die Zahl der Lehrlinge im Handwerk des Kammerbezirks gesunken, insofern sei bereits ein leichter Zuwachs im Jahr 2015 „ein ausgesprochen erfreuliches Ergebnis“.

Nach Weltrichs Einschätzung hat es sich gelohnt, dass das Handwerk verstärkt um Abiturienten geworben hat. Ihr Anteil an den im vergangenen Jahr neu abgeschlossenen Ausbildungsverhältnissen macht bereits 19 Prozent aus – 2014 waren es 16 Prozent, im Jahr 2010 erst sechs Prozent. Eine weitere wichtige Zielgruppe der Nachwuchsbemühungen des Handwerks sind junge Menschen aus Zuwandererfamilien. Im vergangenen Jahr ist die Anzahl der Lehrlinge mit ausländischem Pass sprunghaft gestiegen, von 1.147 Ende 2014 auf 1.309 Auszubildende Ende 2015. Das entspricht einer Ausländerquote von 10,2 Prozent. Erstmals seit 2004 hat mehr als jeder zehnte Lehrling in den Handwerksbetrieben der Region Köln-Bonn eine ausländische Staatsangehörigkeit. Von der Ausweitung der Ausbildungsverhältnisse haben junge Frauen nicht profitiert. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Handwerkslehrlinge ist von 21,4 Prozent Ende 2014 auf 20,3 Prozent Ende 2015 zurückgegangen (Frauenquote Ende 2010: 23,6 Prozent).

Die Gesamtzahl der bei der Handwerkskammer registrierten Selbstständigen ist um 300 auf 33.636 Gewerbetreibende am Jahresende 2015 (Plus von 0,9 Prozent) gestiegen. „Die Handwerkskammer zu Köln bleibt damit der viertstärkste Kammerbezirk in Deutschland“, so der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln. Allerdings ergibt sich ein Anstieg im Betriebsbestand nur in der Gruppe der zulassungsfreien Handwerksberufe, die Zahl der Selbstständigen erhöhte sich von 8.806 auf 9.215 am Jahresende 2015. Von den 450 Neueintragungen für den Beruf des Fliesenlegers entfallen 177 auf Gewerbetreibende aus den osteuropäischen EU-Beitrittsländern, das trifft auch auf 38 der 91 im Jahr 2015 neu eingetragenen Parkettleger zu. In den zulassungsfreien Handwerksberufen gibt es einen relativ hohen Anteil von Soloselbstständigen, so dass die Gründungsdynamik in dieser Handwerksgruppe nur geringfügige positive Effekte am Arbeits- und Ausbildungsmarkt nach sich ziehen dürfte.

Hingegen ist die Zahl der Betriebe in den zulassungspflichtigen Handwerksberufen (sogenannte Meisterbetriebe) um 85 auf 17.972 zurückgegangen. Am Arbeitsmarkt sind Fachkräfte gefragt, daher haben Handwerksmeister, die sich nicht selbständig machen wollen, gute Aussichten auf eine Beschäftigung. Insofern hat das Motiv, mit der Existenzgründung der Arbeitslosigkeit entgehen zu wollen, inzwischen an Bedeutung verloren.

Unabhängig davon hat sich auch im Jahr 2015 der Rückgang im Betriebsbestand des Bäcker-und Fleischerhandwerks fortgesetzt. Auch in einigen Bau- und Ausbauberufen reduzierte sich im vergangenen Jahr die Zahl der Unternehmen (Minus von zehn Betrieben im Maler- und Lackiererhandwerk, Minus von 27 Metallbaubetrieben, Minus von 17 Tischlereien). Hingegen erhöhte sich die Zahl der Kraftfahrzeugtechnik-Betriebe um 21 auf 1.528. Bei der Zahl der Selbständigen nehmen die Friseure mit 2.962 Eintragungen (Plus von 44 Betrieben) weiterhin den ersten Platz unter allen Meisterberufen ein.

In der Gruppe der handwerksähnlichen Gewerbe ist die Zahl der Selbständigen um 24 auf 6.449 gesunken. Entgegen diesem Trend ist bei den Kosmetikern die Zahl der Gewerbetreibenden um 91 auf 1.724 Selbständige gestiegen. Für diesen Beruf gibt es inzwischen eine bundesweit gültige Meisterprüfungsordnung: In diesem Herbst wird die Kölner Handwerkskammer erstmals einen Kosmetiker-Meisterlehrgang anbieten.

„Das Handwerk in der Region Köln-Bonn wird im Jahr 2016 ein Umsatzwachstum von 1,8 bis zwei Prozent erreichen können“, zeigt sich Weltrich zuversichtlich. Die Binnenkonjunktur bilde hierfür die maßgebliche Grundlage. Wichtig seien aber auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen: eine mittelstandsorientierte Kommunalpolitik mit schnellen Verwaltungsverfahren, Wohnungsbauprogramme in den drei wachsenden Großstädten, keine weiteren Einschränkungen bei der ohnehin problematischen Verkehrssituation.

Ein Wachstumshemmnis bilde der Fachkräftemangel gerade in den technischen Handwerken. „Hier muss die Schulministerin endlich die unnötigen Warteschleifen an den Berufskollegs auflösen. Wir erwarten vom Land ein klares Signal zur Vorfahrt der dualen Berufsausbildung. Ebenso muss die schulische Vorbildung insbesondere in Mathematik deutlich verbessert werden, um die Ausbildungsfähigkeit herzustellen“, so Weltrich.

Einen Wachstumsschub für das Handwerk könne die fortschreitende Digitalisierung geben. Dafür hat die Handwerkskammer einen Aktionsplan aufgestellt: Schulungen für die Betriebe, ein digitaler Tag des Handwerks, politische Aktivitäten zur besseren Breitbandversorgung. Außerdem wird ein weiterer technischer Unternehmensberater für die Digitalisierung im Handwerk eingestellt.

Zur Verbesserung der Flüchtlingssituation im Kammerbezirk „bedarf es zunächst in Köln eines Flüchtlingsgipfels, um die diversen Aktivitäten besser zu koordinieren. Dann müssen wir viel mehr junge Leute zielgerichtet auf eine Ausbildung vorbereiten, um sie dann erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Von Bund und Land brauchen wir hier dringend Hilfe: Mit 10.000 Euro pro jugendlichen Flüchtling lässt sich eine Vorbereitung mit Sprachkurs, Fachunterricht und Potentialanalyse für den richtigen Ausbildungsberuf in zehn Monaten umsetzen“, erläuterte Weltrich. Hätte man diese Kurse bereits vor einem Jahr gestartet, würde man jetzt erste Integrationserfolge sehen. Es fehle aber bis heute ein Konzept auf Bundes- und Landesebene.

Rainer Gutmann

Redaktion
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