Warum sich Betriebe aus der Berufsausbildung zurückziehen

Bundesinstitut für Berufsbildung hat Gründe und Muster herausgefunden Handwerker/-innen sind häufig >verhinderte Ausbilder/-innen<

Die Zahl der ausbildenden Betriebe ist in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Im Köln-Bonner Handwerk bildeten 2010 noch 5.806 Betriebe aus. Das waren 22,5 Prozent aller Handwerksunternehmen (Betriebe der handwerksähnlichen Gewerbe bleiben unberücksichtigt, weil es hier in der Regel keinen Ausbildungsberuf gibt). 2015 bildeten noch 5.057 Mitgliedsbetriebe der Handwerkskammer zu Köln aus (Ausbildungsbetriebsquote: 18,6 Prozent). Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat die Gründe für die bundesweite und wirtschaftsbereichsübergreifende Entwicklung untersucht.

43 Prozent der Unternehmen, die weniger ausbilden als früher oder gar nicht mehr ausbilden, geben bei einer Befragung an, keinen Bedarf an selbst ausgebildeten Nachwuchskräften zu haben. Weitere Gründe für den Rückgang der Ausbildungsleistung sind aus Sicht der Unternehmen: weniger oder keine Bewerbungen erhalten (39 Prozent), Arbeitsagentur vermittelt nur noch ungeeignete Bewerber/-innen (31 Prozent), Ausbildungsberuf nicht attraktiv genug (29 Prozent), eher fertig ausgebildete Fachkräfte benötigt (ebenfalls 29 Prozent), keine Möglichkeiten zur Übernahme von Auszubildenden (25 Prozent) und viele andere mehr. Die Erfahrung in der täglichen Zusammenarbeit mit dem handwerklichen Mittelstand legt die Vermutung nahe, dass die Gründe von Wirtschaftsbereich zu Wirtschaftsbereich und von Betrieb zu Betrieb variieren. Denn die meisten Handwerksbetriebe haben weiterhin einen großen Bedarf an selbst ausgebildeten Nachwuchskräften und die Deckung des zukünftigen Fachkräftebedarfs über den Arbeitsmarkt – unter anderem das Abwerben aus anderen Unternehmen – scheidet für viele Handwerksunternehmen aufgrund der damit verbundenen Kosten aus.

Deshalb hat das BIBB die Betriebe näher untersucht und die folgenden drei Grundtypen identifiziert:
Beständige: Hier bündeln sich Gründe, die auf die Bewerbersituation zurückzuführen sind. Wenige Bewerbungen, als wenig attraktiv wahrgenommene Berufe, vermehrt Nichtantritt der Ausbildung oder Vertragslösung sowie Unzufriedenheit mit den Leistungen der Agentur für Arbeit sind die Hauptgründe für das – häufig unfreiwillige – Herunterfahren des Ausbildungsengagements. Trotz der schlechten Ausgangslage bemühen sich die Beständigen weiter, über die Berufsausbildung den zukünftigen Fachkräftebedarf zu decken.
Aussteiger: Bei diesen Unternehmen liegen die Hauptgründe im fehlenden Fachkräftebedarf (keine Deckung über Berufsausbildung, keine Übernahmemöglichkeiten für Ausgebildete) sowie in betriebsinternen Faktoren (Umstrukturierungsmaßnahmen, Entscheidung der Unternehmenszentrale, Verschlechterung der Wirtschaftslage). Der (vorübergehende) Ausstieg aus der Berufsausbildung ist bewusst gewählt und wird durch die Rekrutierung von Fachkräften ersetzt.
Kosten-Nutzen-Kalkulierer: Im Kreise dieser Unternehmen ist eine Vielzahl von unterschiedlichen Gründen ausschlaggebend. Besonders häufig werden solche genannt, die dem Bereich Kosten/Organisation zuzurechnen sind (erforderliche Betreuung der Auszubildenden nicht mehr möglich, gestiegene Ausbildungskosten, zu wenig produktive Einsatzmöglichkeiten für Auszubildende).

Handwerksbetriebe zählen hauptsächlich zu den Beständigen. „Nicht selten sind sie >verhinderte Ausbilder/-innen<“, stellt Dr. Markus Th. Eickhoff, stellvertretender Geschäftsführer Bildungspolitik der Handwerkskammer zu Köln, fest. „Wir sind unseren Mitgliedsbetrieben für die hohe Ausbildungsbereitschaft dankbar. Es wäre wichtig, die Rahmenbedingungen des Handwerks zu verbessern, um die dortigen Potenziale zu heben.“

Hierzu macht das BIBB einige konkrete Vorschläge. Aus der Studie geht hervor, dass Beständige deutlich weniger Bewerbungen als Aussteiger bekommen. Hier gilt es die Bewerberströme zielorientierter zu lenken. Das führt dem handwerklichen Mittelstand potenzielle Nachwuchskräfte zu und schützt Bewerber/-innen gleichzeitig vor zahlreichen erfolglosen Versuchen, in Betrieben Fuß zu fassen, die ihren Ausbildungseinsatz zumindest derzeit bremsen. Die Vermittlungsarbeit im Übergang Schule/Beruf soll verbessert werden. Außerdem wird eine nähere Untersuchung des Passungsproblems (Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsstellenmarkt finden aus unterschiedlichen Gründen nicht zueinander) vorgeschlagen. In keinem Betriebstypus hat die betriebliche Weiterbildung eine so große Bedeutung wie bei den Beständigen. Das sollten Lehrstellensuchende als Signal für Karriereoptionen werten. Die Berufsausbildung ist der Einstieg, darauf kann – zum Beispiel über die Meisterqualifizierung – aufgebaut werden. Im Handwerk mit seinen flachen Betriebshierarchien ist schnell die Übernahme von Führungsverantwortung möglich. Das kann bis zur Betriebsleitung reichen.

Aber auch zur Stärkung der Betriebe gibt das BIBB Empfehlungen. Ihnen soll eine Unterstützung geboten werden, um die Suchstrategie nach geeigneten Bewerbern/-innen zu verbessern. Mit ihren Azubi-Speeddatings, den mehrsprachigen Ausbildungsbörsen und den Einsatz von erfahrenen Auszubildenden als Ausbildungsbotschafter/-innen bietet die Handwerkekammer zu Köln ihren Mitgliedsbetrieben zahlreiche Mitwirkungsmöglichkeiten. Das BIBB regt außerdem an, Bewerbern/-innen eine Chance zu geben, die auf dem ersten Blick nicht die Ausbildungsanforderungen erfüllen. Über Instrumente wie ausbildungsbegleitende Hilfen (Nachhilfeangebot mit sozial-pädagogischer Betreuung) oder assistierte Ausbildung (sozial-pädagogisches Coaching von jungen Menschen im Übergang von der Schule in den Beruf) bieten die Agenturen für Arbeit Hilfestellungen an.

Eickhoff Tom Zygmann

Dr. Markus Eickhoff

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